Franzpeter Messmer

Bollwerk gegen den Islam oder Modell multikulturellen Zusammenlebens?
Die Landshuter Hofmusiktage erkunden die Neuorientierung spanischer Identitätssuche und zeigen wie aktuell alte Musik sein kann.

Kaum jemand, der in der Mezquita von Cordóba steht oder die Alhambra in Granada durchstreift, kann sich der paradiesischen Schönheit dieser Architektur entziehen. Die islamische Herrschaft von 711 bis 1494 auf europäischem Boden in Andalusien öffnete 700 Jahre lang die Grenze zwischen Europa und Nordafrika und bewirkte ein Zusammenleben von Mohammedanern, Christen und Juden, das eine erstaunliche wirtschaftliche und kulturelle Blüte hervorbrachte.
Lange wurde Al Andaluz nicht als Teil der spanischen Geschichte verstanden. Als 1609 die letzten Mauren aus dem Land vertrieben worden waren, entstand, so dachte man, erst das wirkliche Spanien: das europäische Bollwerk gegen die Ungläubigen, das außerhalb Europas als Kolonialmacht mit hohem missionarischen Eifer, innerhalb Europas als Speerspitze der Gegenreformation vor allem durch die damals überall präsenten, von Ignatius Loyola gegründeten Jesuiten agierte. Dieses Selbstverständnis von Spanien als Bollwerk gegen alles Außereuropäische lebte in der faschistischen Ideologie General Frankos im 20. Jahrhundert wieder auf.

Das Alhambra-Modell
Doch das neue, demokratische Spanien sucht nach einer anderen Identität. Der spanische König wies 1992, anläßlich der 500. Wiederkehr des Schicksalsjahres 1492, als Amerika durch Kolumbus entdeckt und Granada, das letzte islamische Herrschaftsgebiet, besiegt wurde, auf die Bedeutung der islamischen Wurzeln Spaniens hin. Seitdem wird in Spanien die lange Zeit tabuisierte Vermischung christlicher, islamischer und jüdischer Kultur in Mittelalter und Renaissance erforscht und wieder ins Bewusstsein gerückt.
Dabei erscheint vielen Spaniern die convivencia, also das friedliche Zusammenleben von Juden, Mohammedanern und Christen, als ein Modell für unsere Zeit. So schrieb der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo, dass „Spanien nur einen Platz in Europa haben wird, wenn es sich auf seine ureigene Sendung besinnt, Brücke zu sein zwischen Abend- und Morgenland, zwischen Europa und dem Islam.“
Doch ist dieses Alhambra-Modell jemals Wirklichkeit gewesen? Ist die tolerante islamische Herrschaft nur ein verklärendes Idyll aus heutiger Sicht? Diese Meinung vertritt der spanische Historiker Francisco Garcia Fitz, so jüngst in einem Artikel in der „Welt“ (1. 6. 2006): „Die Toleranz im islamischen Spanien ist nur ein multikultureller Mythos“. Er weist darauf hin, dass Christen und Juden eine Kopfsteuer bezahlen mussten, wenn sie sich nicht zum mohammedanischen Glauben bekehrten, ihnen hohe Ämter in Militär und Politik verschlossen waren und sie durch Kleidervorschriften als Nicht-Mohammedaner gekennzeichnet waren. Eine multikulturelle Gesellschaft nach heutigen Vorstellungen war also das alte Al Andaluz keinesfalls.

Faszination islamischer Kultur
Doch für die damalige Zeit war die islamische Herrschaft dennoch tolerant: während die Juden von den Westgoten, die in Spanien vor dem Islam herrschten, vertrieben wurden, lebten sie nun unbehelligt. Die Christen waren vom arabischen Leben so fasziniert, dass sie sich in hohem Maß assimilierten. Der Bischof von Sevilla musste die Bibel ins Arabische übersetzen, damit sie die Christen, die kaum noch lateinisch sprachen, lesen konnten, und Álvaro, ein strenggläubiger Christ, beklagte, dass seine Glaubensbrüder mit Vorliebe die Gedichte und Romane der Araber lesen und mit Verachtung über christliche Bücher lachen würden. Juden und Christen nahmen am wirtschaftlichen Aufschwung teil und stiegen zu hohen Ämtern empor. Ohne Zweifel war die islamische Kultur der arabischen Herrscher, die der Umayyadendynastie aus Damaskus entstammten und die dortige Zivilisation in Andalusien einführten, überlegen. Es gab einen hohen Grad von Bildung. Lesen und Schreiben waren Allgemeingut. In Cordóba gab es die bedeutendsten Bibliotheken Europas, die allen zugänglich waren.

Reconquista: Krieg der Kulturen
Doch im 11. Jahrhundert endete diese Form des friedlichen Zusammenlebens. Die Herrschaft der Kalifen aus der Umayyadendynastie zerbrach und Al Andaluz zerfiel in kleine Königreiche, was der christlichen Reconquista militärische Chancen eröffnete. Auf arabischer Seite herrschten die Almohaden, die den Islam fundamentalistisch auslegten. Zahlreiche Christen flohen vor ihnen in die christlichen Herrschaftsgebiete. Auf beiden Seiten begann der „Heilige Krieg“. Die christlichen Eroberer zeigten allerdings häufig Toleranz. So war im 13. Jahrhundert der Hof von König Alfonso X. dem Weisen ein Zentrum arabischer, jüdischer und christlicher Wissenschaftler, Künstler und Musiker. Seine Cantigas de Santa María sind eine der wichtigsten Quellen für die mittelalterliche spanische Musik. Doch oft ging es auch sehr unfriedlich zu: So nahmen die christlichen Ritter Hunderte arabischer Singsklavinnen gefangen und verschleppten sie auf ihre Höfe in Nordspanien und Frankreich. Dort gaben diese hervorragend ausgebildeten Musikerinnen wichtige Impulse für die Entstehung einer weltlichen Dichtung und Liedkunst, den Minnesang.
Bis 1492, bis zum Fall von Granada, dauerte dieses spannungsvolle, aber fruchtbare Zusammenwirken der Kulturen. Danach litten die Muslime und Juden unter christlichem Terror. Es gab Zwangsbekehrungen und Säuberungen: nachdem im 16. Jahrhundert 200.000 Juden aus Spanien fliehen mussten, waren 1609 endgültig eine Million Muslime nach Nordafrika vertrieben worden. Dort wird bis heute andalusische Musik als eine hohe und verfeinerte Kunst gepflegt.

Musiker in Spanien: Suche nach den kulturellen Wurzeln
Die Landshuter Hofmusiktage, das Europäische Festival Alter Musik, stellen 2006 Spanien in den Mittelpunkt: zum einen in den Konzerten des Hilliard Ensembles mit der Messe von Cristóbal de Morales, des Ensembles Resonet mit Musik der Pilger nach Santiago de Compostela und der Landshuter Hofkapelle mit der Messe von Peñalosa als Musiklandschaft mit einer besonders ausgeprägten Religiosität und Mystik, zum anderen als Brücke zwischen Orient und Okzident.
Heute bemühen sich Musiker auf der ganzen Welt, die Musik des alten Al Andaluz und seine Spuren in der Musikgeschichte zu entdecken. So zeigt das Londoner Ensemble I Fagiolini in der Musik des 16. Jahrhunderts, insbesondere in den frühen Musikkomödien, den Ensaladas, wie sich hier Europäisches, Jüdisches und Maurisches mischte. Die Salzburger Hofmusik lässt in den Folias und Fandagos das Exotische in der spanischen Musik des Barock anklingen, das bis hin zum heutigen Flamenco die Menschen fasziniert.
Doch die Rückbesinnung auf die christlich-jüdisch-islamischen Wurzeln ist vor allem für spanische Musiker eine wichtige Frage der eigenen kulturellen Identität. Deshalb studiert das Ensemble L’Ham de Foc aus Valencia sowohl die christliche als auch die sefardisch-jüdische und die islamische Tradition. Begoña Olavide, die Leiterin des Ensembles Mudéjar, ist eine Virtuosin auf dem Psalterium, der mittelalterlichen Zither, das auf Arabisch Kanun genannt wird. Sie stammt aus Spanien und lebt in Marokko, wo sie die Musik der andalusischen Tradition studiert. So verbindet sie in ihrer eigenen Biographie europäische und maghrebinische Kultur. Wenn bei den Landshuter Hofmusiktagen das Münchner Ensemble Estampie mit Mara Aranda und Efrén López von L’Ham de Foc aus Valencia und Juan Kandousi und Aziz Samdaqui aus Marokko zusammen musiziert und die Musik der Christen, andalusischen Juden – der Sepharden - und der Mohammedaner spielt, so wird wenigstens für einen Moment das Alhambra-Modell zu künstlerischer Wirklichkeit und zum Erlebnis für ein Publikum, das den 11. September und die Terroranschläge von Madrid nicht mehr vergessen kann und nach Wegen sucht, den grausamen Terrorismus und die menschenverachtende Teilung der Welt in das reiche, von Wohlstand und Überschuss geprägte Europa und das arme, an Hunger und Chancenlosigkeit leidende Afrika zu überwinden.
Alte und doch jung gebliebene Musik vergegenwärtigt so das alte Al Andaluz als aktuelle und moderne Vision.

Landshuter Zeitung, Wochenendbeilage, 24. 6. 2006